Fotos vom Projekt findet man hier.
Der Geologe Snæbjörn Guðmundsson
schreibt zum Thema:
Wer glaubt, ein neues
Umweltgutachten für die Kraftwerkspläne an der unteren Þjórsá sei unnötig, dem seien hier ein paar Bruchstücke aus der
Zusammenfassung des alten Umweltgutachtens von 2003 samt Anmerkungen
vorgelegt.In den Händen der Enkel?
„Der Schlamm, der die Þjórsá hinabtreibt, wird sich vor der Talsperre Hagalón ansammeln. Es sind in der Region keine systematischen Messungen zum Schlammaufkommen betrieben worden, geplant ist, dass sich pro Jahr 0,1 GI (100.000 Kubikmeter) der Masse vor der Talsperre ablagern. 13 bis 14 GI der Schlammmasse sollen an die Ufer der Talsperre Hagalón abgeladen werden.“
Wie gesagt, man weiss gar nicht genau, wieviel Schlamm mit der Þjórsá in die Talsperre des Hvammsvirkjun getragen wird, aber es wird eine Riesenmenge sein, und sie wird sich in der Talsperre und im ausgetrockneten Flussbett absetzen. Wenn die Schlammasse dann nach wenigen Jahrzehnten die Talsperre ausgefüllt hat, ist anzunehmen, dass sie irgendwie aus der Talsperre rausgebaggert und an die umgebenden Ufer verteilt wird. Überlassen wir das doch den Enkelkindern …
Auf die Hálslón geschaut
„Die Ufererosion der angedachten Talsperre muss mit vorbeugenden Massnahmen möglichst verhindert werden, und die Uferregionen müssen in den ersten Jahren nach dem Bau überwacht werden. Gleichzeitig muss mit Anpflanzungensmassnahmen möglichst verhindert werden, dass in den ausgetrockneten Flussbetten der Þjórsá Sandstürme entstehen.“
Man beachte, dass das Umweltgutachten aus der Zeit vor der Inbetriebnahme des Kraftwerks am Kárahnjúkar stammt. Es wäre vielleicht eine Idee, sich die Erosion dort am Ufer der Hálslón anzuschauen, und auch die Sandstürme aus den trockenen Talsperrenteilen, bevor man weitermacht. Wie würde ihr etwa die braunen Strände an der Hálslón finden, wie auf dem folgenden Foto? Beachtet auch die Wortwahl „möglichst“. Geplant ist, Sandstürme über den Ortschaften des südisländischen Flachlandes zu verhindern, halt eben „möglichst“. Vertrauenerweckend, oder?
Flora und Fauna sind nicht viel wert
„Man rechnet damit, dass mit einer gesicherten Durchlaufmenge von 10 bis 15 Kubikmetern pro Sekunde das Gedeihen von Flora und Fauna gesichert werden kann.“
Eine weitere vertrauenerweckende Phrase, „man rechnet damit“, und unterwirft sich mal eben Flora und Fauna des grössten Flusses Islands. Und damit hat man das Recht, das „Gedeihen“ derselben zu sichern. Nur um das mal klar zu stellen, die Auswirkungen auf die Lachspopulation sind nicht ausreichend wissenschaftlich erforscht, und die Auswirkungen auf den Saibling so gut wie gar nicht. Der Angelverein Þórsá hatte das im Gutachten zum Hvammsvirkun an die Projektleitung des Energierahmenplankomitees im Jahr 2014 so schön formuliert: „Der Wissensmangel in Bezug auf die Lebenserwartung der Fische, sollte das Wasserkraftwerk verwirklicht werden, ist offensichtlich, und es geht nur noch darum, das Beste zu hoffen.“ Weiter unten steht dann: „Da dem Vorstand des Angelvereins keinerlei wissenschaftliche Daten unabhängiger Parteien vorgelegt worden sind, die Lösungswege für eine Stauung des Flusses aufzeigen, durch die Flora und Fauna nicht gefährdet werden, hält der Vorstand es für vollkommen verantwortungslos, das Hvammsvirkjun in die Nutzkategorie zu verschieben.“ Vollkommen verantwortungslos, und das von Leuten, die sich um das Tier- und Pflanzenleben der Þjórsá kümmern sollen. Es ist völlig klar, dass das Kraftwerk ohne Gegenmassnahmen Flora und Fauna an jedem Ort zerstören und die Fischpopulation kollabieren lassen wird.
Landsvirkjun sagt jedoch, dass das alles mal geprüft werden müsse und geschaut werden, ob es nicht möglich sei, das mit Gegenmassnahmen hinzukriegen, von denen aber niemand weiss, ob sie überhaupt helfen. Flora und Fauna der Þjórsá sind ganz offensichtlich nicht viel wert. Und in ein paar Jahren kommt dann ein grosses „Ups!“, wie im Fall des Lagafljóts, wo Flora und Fauna plattgemacht wurden. „Ja nee, das war leider nicht vorhersehbar ...“
Ein Zaun um geschützte Natur
„Man geht davon aus dass die Sonderstellung des Bewuchses auf der Insel Minnanúpshólmi (Viðey) nicht gefährdet ist.“„Man geht davon aus“, obwohl klar ist, dass das Flussbett der Þjórsá bei Viðey austrocknen wird und es für Mensch und Tier kein Problem mehr sein wird, die Insel zu erreichen, ausser natürlich, jeglicher Verkehr wird durch einen Zaun verhindert, den Landsvirkjun dort errichten will. Viðey ist ein bemerkenswerter Ort, der unter Naturschutz steht. Wissbegierigen sollten unbedingt die Anmerkungen der Gnúpverjarhreppur-Bewohnerin Anna Sigríður Valdimarsdóttir über Viðey und die Auswirkungen des Hvammsvirkjun auf die Insel und die Gemeinschaft lesen, einen Teil finden Sie am Ende des Textes. Annas Anmerkungen sind auch auf der Webseite des Energierahmenplans zu finden.
Tourismus aus anderen Zeiten
„Die Kraftwerkspläne werden keine signifikante Auswirkung auf den Fremdenverkehr haben.“
Nochmal, das Umweltgutachten stammt aus dem Jahr 2003. Damals gab es viel weniger Tourismus als heute, und offensichtlich keine Pläne, Touristen die Möglichkeit zu geben, Wasserfälle und das Flussbett der Þjórsá anzuschauen. Tasächlich wurde der Aufbau von Aussichts- und Besichtigungsplätzen am Fluss sogar systematisch verzögert. Unglaublich, aber wahr, das kurze Stück von der Ringstrasse zum Urriðafoss ist bis heute nicht asphaltiert, wie sollen denn dann wunderschöne Orte und Wasserfälle wie der Búðafoss, der Hestfoss und Viðey für Touristen ausgeschrieben werden. Wie war das noch mit der Phrase „man muss die Belastung durch die Touristen verteilen“ Mehr oder minder alles, was im Umweltgutachten geschrieben wurde, ist uralt.
Unklar und nicht mehr zeitgemäss
„Unter Einbeziehung der Gegenmassnahmen kommt Landsvirkjun zum Ergebnis, dass eine Stauung der Þjórsá bei Núpur und eine Anbindung an das Stromtransportnetz des Unternehmens, wie im Gutachten veröffentlicht, keine signifikanten Auswirkungen auf die Umwelt haben wird.“Das Ergebnis ist ausdrücklich die Einschätzung von Landsvirkjun, und wir brauchen uns keine Illusionen zu machen, dass das Unternehmen den Bettel hinwerfen wird. Ich glaube jedoch, dass es auf jeden Fall möglich ist, das Vorhaben zu stoppen, aber dann muss reagiert werden, bevor es zu spät ist. Als allererstes muss ein neues Umweltgutachten erstellt werden. Eine Überprüfung des alten Gutachtens reicht nicht aus, weil vieles zu unklar und nicht mehr zeitgemäss ist.
Und wofür eigentlich der ganze Driss? Naja, für die Schwerindustrie im Südwesten Islands.
Zusatzmaterial zur Insel Minnanúpshólma:
„Mindestens in die Warteschleife“
Im Gutachten der Naturwissenschaftlerin und Flussanwohnerin Anna Sigríður Valdimarsdóttir wird eingehend auf die Insel Minnanúpshólmi eingegangen:
„Viðey, auch bekannt unter dem Namen Minnanúpshólmi, ist eine kleine Insel in der Þjórsá, die wegen der Tiefe und heftigen Strömung des sie umgebenden Flusses unter Naturschutz steht. Die Insel ist kaum berührt, und der menschliche Einfluss auf ihre Flora und Fauna wegen der Unzugänglichkeit bis jetzt sehr begrenzt. Viðeys Bewuchs wurde in einer Abschlussarbeit der Landwirtschaftlichen Hochschule behandelt, Informationen über das Pflanzenwachstum der Insel stützen sich auf die Daten dieser Untersuchung.
Auf Viðey befindet sich ein üppiger und dichter Birkenwald mit etwa 3000 bis 15000 Schösslingen pro Hektar. Insgesamt 70 verschiedene Pflanzen sind auf der Insel gefunden worden. Auch zwei als selten angesehene Pflanzen wurden gefunden, das Nickende Wintergrün (Ortlilia secunda) und die Hunds-Quecke (Elymus caninus), die beide im Süden des Landes kaum verbreitet sind.
Am 24. August 2011 ist Viðey in der Þjórsá unter Naturschutz gestellt worden. Ziel des Naturschutzes ist es, den kaum berührten und üppigen Birkenwald von Viðey sowie die dort vorkommende Flora und Fauna zu bewahren. Auch die Biodiversität des Ökosystems und der Artengenpool soll durch den Schutz von Pflanzen und Lebewesen gestärkt werden.
Wenn das Hvammsvirkjun gebaut wird, dann reduziert sich die Strömung der Þjórsá um Viðey herum dramatisch und damit auch der natürliche Schutz, den die Insel dadurch geniesst. Nach Ansicht der Unterzeichnerin erfüllt eine Umzäunung der Insel und ihrer Umgebung – welche als Gegenmassnahme im Fall eines Kraftwerkbaus genannt worden war – nicht den selben Zweck wie der Fluss. Flora und Fauna des betroffenen Gebietes sind nach Ansicht der Unterzeichnerin nicht ausreichend untersucht worden, und die Auswirkungen des Kraftwerks auf die Lebewesen und Pflanzen sind nicht klar genug, um solche Vorhaben zu rechtfertigen. Daher ist die Unterzeichnerin der Ansicht, dass die Þjórsá und ihre Umgebung im Einflussgebiet des angedachten Hvammsvirkjuns in die Schutzkategorie gesetzt werden muss – zumindest jedoch in die Warteschlange.“
Den Originaltext findet man hier.
(Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors.)